Blog
Unerträgliche Erkenntnis
Unerträgliche Erkenntnis
Dass wir uns in Deutschland im 21. Jahrhundert erneut mit politisch motivierten und organisierten Mordtaten befassen müssten, hatte ich bis vor Kurzem nicht für möglich gehalten.
Nach den Fememorden der Weimarer Zeit, dem irrsinnigen, alles in den Schatten stellenden rassistischen Mordterror der Nazis, dem menschenverachtenden Schießbefehl der DDR und den ideologisch verblendeten Taten der RAF sollte gerade uns Deutsche das 20. Jahrhundert gelehrt haben, dass politisch motivierte Gewalt zu nichts führt als Leid, Angst, Verunsicherung - und nicht selten Gegengewalt.
Immer wieder haben wir uns der Stabilität unserer vor diesem Hintergrund gereiften Demokratie gerühmt, denn genau dies war ja die Konsequenz, die mit dem Grundgesetz nach dem Krieg gezogen worden war: Gesellschaftliche Konflikte sollten fortan friedlich auf demokratische Weise gelöst werden, statt mit Waffen auf der Straße. Staat und Politik sollten und wollten sich ausschließlich an Würde und Wohlergehen der Menschen ausrichten.
Und nun dies: Eine Mordserie, deren Anfang über 10 Jahre zurückliegt, ist das Werk einer antidemokratischen, ausländerfeindlichen Bande junger Neonazis, die in ihrer politischen Frustration über vermeintliche oder tatsächliche Benachteiligung durch den Staat bereit ist, bis zum Äußersten zu gehen. Und jeden Tag neue Nachrichten, die auf ein noch größeres rechtsextremistisches Netzwerk schließen lassen, als es noch kurz vorher vermutet wurde.
Abgesehen von der drängenden Frage, warum die Sicherheitsbehörden diesen Zusammenhang über so lange Zeit nicht erkannt haben, ja sogar reflexhaft davon gesprochen haben, dass ein rechtsextremistischer Hintergrund der jeweiligen Taten auszuschließen sei, muss man heute auch konstatieren, dass wir als Demokraten offensichtlich dazu neigen, die Bindungskraft der demokratischen Idee systematisch zu überschätzen.
Wo Menschen dauerhaft ein Gefühl der Benachteiligung und den Eindruck der Einflusslosigkeit gegenüber „dem Staat“ und seinen Entscheidungen haben, ist der Weg zu Politikverdrossenheit und am Ende zu extremistischen Denkhaltungen nicht weit. Die Demokratie und ihre Exponenten werden dann nicht mehr als Sachwalter der Bürgerinteressen angesehen, sondern nur noch als Vertreter eines „Systems“.
Demokratisches Denken und Handeln, das sich an der Würde und dem Wohlergehen aller hier lebenden Menschen orientiert, ist – auch nach den schrecklichen historischen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts – offenbar immer noch nicht selbstverständlich.
Diese Erkenntnis ist unerträglich!
Sie muss dazu führen, dass wir als Gesellschaft nicht wegsehen, unsere Demokratie aktiv verteidigen und jede Form des politischen Extremismus noch konsequenter als bisher bekämpfen.
- 0 Kommentar(e)
Schlagwortwolke
Letzte Kommentare
- Volle Zustimmung - aber wachsam bleiben!
- 10.08.2010 13:30
- Hauptsache nix arbeiten...
- 27.04.2010 13:25
- Warum immer alles so negativ?
- 27.04.2010 10:04
- Lassen sie Taten folgen!
- 27.04.2010 09:51
Letzte Nachrichten
- Unerträgliche Erkenntnis
- 24.11.2011 15:29
- Taumelnd am Abgrund - Kommt der Westen wieder aus der Krise?
- 29.07.2011 20:17
- Oppositionelle Scheinheiligkeit
- 15.07.2011 16:02
- Libyen – Warum die deutsche Position richtig ist und die...
- 15.04.2011 08:14
Kategorien
- Allgemeines (21)






Mein Kommentar